Hagedorn, Christian Ludwig von · p. 109-118
Wenn wir von einem gewissen MahlerDon Juan de Valdes, ein Mahler, Bildhauer und Baumeister in Sevilla, wo er im Jahr 1691 gestorben. Las Vidas de los Pintores y estatuarios eminentes Españoles, par D. Antonio Palomnio Velasco (Londres 1742. 8) p. 150. lesen, er habe einen halb verweseten und von Würmern verzehrten Leichnam so natürlich gemahlt, daß denselben niemand ohne Grausen und Entsetzen ansehen können, und viele, die ihn von ungefehr erblicket, davon geflohen, sich die Nase zugehalten, oder wie die schöne Beschreibung weiter lauten mag: so werden wir doch wohl auf die Muthmassung gebracht, daß es Gegenstände gebe, welche gar nicht, oder nur in solchen Fällen gemahlt werden dürfen, die zu der Ausnahme und niemals zu der Regel einer schönen Kunst gehören.
Ordentlicher Weise fliehen wir auch in der Malhrerey alles, was wider die feinen Empfinden streitet, und bevorab dasjenige, was selbst in der Natur Ekel und ein damit verbundenes Grausen erweket. Kunst und Nachahmung verlieren hierbey allen Reiz; und die sonst so gefällige Wahrheit der Züge wird um so viel mehr beleidigen, als sie das Auge überredet. Vom Grossen und SchrecklichenDer Tartarus der Alten ist an mahlerischer Schönheit reich. ist hier nicht die Rede.
Die Natur des Ekels untersuchet ein so gründlicher Philosoph als KunstrichterBriefe die neueste Litteratur betreffend, V. Theil, 82. Brie auf der 100. Seite., und zeigt, daß gewisse Gegenstände blos durch die Association der Begriffe, in dem sie uns des Widerwillen erinnern, den sie dem Geschmacke, dem Geruche oder dem Gefühle verursachen, auch dem Gesichte unerträglich werden. Dieser Widerwillen, wenn es auch eigentlich zu reden, keine Gegenstände des Ekels für das Gesicht giebt, ist genug. Er würde bey der treulichsten Nachbildung der Göttin der Traurigkeit, wie sie Hesiodus beschreibt, andern beleidigten Empfindungen vordringen; und, mit Entsetzen vergeselschaftet, das zerfleischte Haupt des Itys in einer sonst so schönen Mahlerey wahrnehmen. Selbt der Umstand, den Longin Vom Erhabenen in der Ausgabe und Uebersetzung des Herrn von Heinecken auf der 67. Seite. an jener Abbildung der finstern und traurigen Göttin verwirft, werden wenig Künstler an einem Ungeheuer anzudeuten scheinen. Zwar würde auch vielleicht das Gelächter eher, als der Ekel erwecket werden.
Eben so lächerlich ist ein übertriebener Ekel in den schönen Künsten, und ihnen, wie jeglicher einförmiger Geschmack, der allzu enge Grenzen annimmt, nachtheilig. Herr Schlegel, der dieses festsetzetIn der II. Abhandlung zu Batteux Einschränkung der schönen Künste auf einen einzigen Grundsatz auf der 280. S. und diejenigen, die stets nur nach frölichen Bildern, ich möchte für die Malherey hinzu setzen, nach Watteau und Lancret, schmachten, zu recht weiset, giebt in einer andern StelleAuf der 71. S. des angeführten Buches in der Anmerk. seiner Erlaüterung des Batteux, die wohlgetroffenste Abschilderung eines unreinlichen alten Weibes, als ein Beyspiel an, wo die Kunst alle ihre Arbeit umsonst verschwendet. Er hat vollkommen Recht. Nur ist bey Vorstellung des Alters der Begriff der Unreinlichkeit, den er damit verknüpft, ausserordentlich, indem er auch bey Vorstellung der schönsten Jügend beleidigen würde. Man hat daher ein schönes hohes Alter an beyderley Geschlechten von dessen kümmerlicher Gestalt oder häßlichem Ansehen, auch in Absicht auf die bildenden Künste, wohl unterschieden. Wo das Alter zwar der Haut mehr Falten geben, aber die Züge, die zum Ausdruck der sittich gebildeten Seele gehören, nicht tilgen können, wird ein schöner Greis von van der Helst und Dennern und ein würdiges Matronengesicht dieser fleissigen Meister allemal besser gefallen, als eine sorgfältig ausgesuchte Häßlichkeit. Nach diesem Grundsaße beurteilte und schätzte Herr Brockes in spätern Jahren, als da er sein bekanntes Gedichte geschrieben, ein Brustbild einer betagten Frauen, das unter seinen Augen, für meine Sammlung von Dennern gemahlet war.
Ordnung und Reinlichkeit herrschen um sie, und der Anblick des Alters
Wird dadurch milder und sanft. Zacharias, vier Stufen des weiblichen Alters.
Wenn der Künstler anders gewählt hätte, würde er von der Wahl des Schönen in dieser Art abgewichen seyn. Seine Ausnahme würde wider ihn, aber nichts wider die Grundregel beweisen. Mit einem Gegenstande, dessen Gegenwart in der Natur Schrecken gebietet, ist es anders beschaffen. Dessen Gestalt kann im übrigen schön, und der angenehmsten Ausbildung der Kunst fähig seyn. Das Schrecken oder die plötzliche Vorstellung eines unvermutheten Unglücks scheinet in dem gegenwärtigen Fall nicht so wohl unmittelbar, als vielmehr ein sinnlicher AbscheuWolfs Met. §. 436., durch Erneuerung einer vormals gehabten Empfindung jener Art, erreget zu werden, die, durch die gleich schnelle und ungleich deutlichere Ueberzeugung von der Nachahmung, verschwindet, und uns nur das Gefühl von deren Schönheit und Stärke, folglich eine sehr angenehme Empfindung, zurück läßt.
In der Natur erwecket der zornige Löwe, und selbst der zahme Begleiter des Andronicus, dieses Schrecken; aber durch seine stolze Bildung behauptet er sein Zeugniß von der schön bildenden Natur. Hieraus folgt, daß die wildersten Thiere, so bald der Eindruck der Schädlichkeit von ihnen getrennet ist, in der Nachahmung nicht mehr beleidigen. Vielmehr erhalten dergleichen, nur in bedingten Fällen unangenehme Gegestände, unter der Hand eines Franz Snyders oder Rubens eine besondere Anmuth. Der bedingte Fall ist gehoben, so bald die dunkele Vostellung der Gefahr, wider welche sich die Natur empöret, von der Gemüthsbewegung, die uns an und vor sich gefällt, abgesondert worden. „Dieses ist der Kunst dadurch gelungen, (so schreibt Batteux in der angeführten Ueberstzung), daß sie uns den Gegenstand vorstellet, der uns schrecket, und sich selbst zu gleicher Zeit verräth, um uns alle Furcht zu benehmen.“ So gründlich Batteux diese Ursachen aus einander setzt, so sehr kommt ihm auch die Erlaüterung des scharfsinnigen UebersetzersEinschänkung aud der 71. Seite. zu statten. Im übrigen scheint mir jener hierinn demjenigen zu folgen, was schon FontenelleReflexion sur la Poëtique XXXVI. für die Ursache der mit Vergnügen untermischten Traurigkeit angegeben hat, welche der Zuschauer eines Trauerspiels zu empfinden pflegt. Von ähnlichen Gegenständen in der Mahlerey wird dieses auf gewisse Maasse auch gelten müssen, um dasjenige zu beurtheilen, wodurch das Herz am meisten erschüttert wird.
Man kann vielleicht in der Sphäre der Mahlerey noch weiter gehen. Die gelassene Betrachtung der schönen Zeichnung und Ausbildung, womit die Natur gegen keines der geringsten Thiere, oder, für die Vergleichung mit dem Schönen, gegen gar wenige derselben, stiefmütterlich verfahren, wird auch hier die Quelle eines neues Vergnügen. Absonderlich fühlt es der Bewunderer der Natur, der ein Auge, das auf die Schönheit der Schöpfung aufmerksam ist, ohne Vorurtheil zu den Künsten bringet. Ungleich grösser ist das zusammengesetzte Vergnügen, welches aus mannichfaltigern Betrachtungen entspringet. Was uns bisher, der Furcht halber, minder bekannt geblieben war, schmeichelt unserer Wißbegierde. Es wird durch die lebhafte Darstellung, so uns die Kunst schenket, dem Vorurtheile entrissen; und durch die Geschicklichkeit des Nachahmers gedoppelt anziehend. Zween weise Alten haben so gar nur in dieser Nachahmung die Ursache finden wollen, warum uns häßliche Gegenstände gefallen. Die Gemälde der berühmten Rahel Ruysch, und ihrer Vorgängerin, der Marie von Dosterwyt möchten den Gaß des Plutarchs wenigstens zweifelhaft machen, der die Eyderen zu den häßlichen Gegenständen zählet. Was würde nicht jener verliebte Americaner gethan haben, dessen Lied Montaigne anführet? Dieser Gänger bittet die Schlange... Doch ich will Ihnen lieber gleich das Lied aus dem Gedichten des verewigten von Kleist hersetzen:
Verweile schöne Schlange,
Verweile! Meine Schwester
Soll in ein Band von Golde
Dein Bild für Isen, wirken,
Für Isen meine Freudinn.
Alsdann wird deine Schönheit,
Vor allen andern Schlangen
Der Welt, gepriesen werden.
Wir wollen uns einbilden, diese Schlange sey von der kleinen und unschädlichen Art[10] Zicatlinam oder die Mutter der Ameisen genannt. Gottorfische Kunstkammer (Schleßwig 1674.4) auf der X. Taffel die I. Figur). gewesen, die Olearius anzunehmen, und davon zu trenne, was der Dichter gleich von der Schaubühne hinzu setzt:
Mais il est des objets, que l’Art judicieux
Doit offrir à l’oreille, et reculer des yeux.
Zwar manchen Gegenstand läßt in der Kunst geübt
Die Klugheit uns nicht sehn, den sie zu hören giebt.
Was in dem gegebenen Fall das Auge äusserst verabscheuen würde, darf auch der Künstler nicht mahlen; oder er muß die Schilderen so erträglich, als der Dichter die Erzählung machen können. AntiphilusPlinius XXXV, 10., der die Geschichte der Hippolytus seines Pinsels würdig schätzte, wählte den Zeitpunkt, da dieser unglückliche Prinz das Ungeheuer mit Entsetzen gewahr wird. Die Mahlerey wollte hierbey nicht einmal dasjenige dem Auge zeigen, was die Dichtkunst der Racine dem Theramen in den Mund legen konnte. Die Urtheile, so von dieser Stelle gefället worden, sind bekannt. suite: grotesques